Drei mentale Tricks für das Juraexamen: So gewinnst Du die Klausuren im Kopf

Im Examen zählen vor allem zwei Dinge.

Erstens: Juristisches Wissen.

Zweitens: Mentale Stärke.

Doch seit Jahrzehnten richten Studenten und Referendare ihre Examensvorbereitung nur auf das juristische Wissen aus. Fast niemand kümmert sich um die mentale Seite des Examens.

Überleg mal:

Was nützt es Dir, wenn Du die typischen Examensprobleme und die aktuelle Rechtsprechung auswendig kennst, beim Umdrehen des Sachverhalts aber plötzlich nicht mehr klar denken kannst?

Der ehemalige Boxer Mike Tyson hat das in seinem vielleicht berühmtesten Zitat treffend zusammengefasst:

Jeder hat einen Plan, bevor er ins Gesicht geschlagen wird.Mike Tyson

Was will er uns damit sagen?

Einem Boxer, der jahrelang trainiert hat und der in seinem ersten Kampf plötzlich die rechte Faust des Gegners im Gesicht spürt, hilft es nicht, wenn er theoretisch der bessere Boxer ist. Er muss mit dem Stress im Wettkampf auch mental klarkommen.

So ist es auch bei uns Juristen:

Du kannst jahrelang lernen und Übungsklausuren schreiben. Aber wenn es im Examen darauf ankommt, gelten andere Regeln. Du musst zum Beispiel wissen, wie Du reagierst, wenn der Sachverhalt so kompliziert ist, dass Du im ersten Moment nicht mal weißt, wie Du anfangen sollst.

Mehr Lernen ist oft nicht die Lösung gegen Prüfungsangst

Deshalb hilft es nicht, aus Angst vor dem Examen einfach noch mehr Jura zu lernen. Wenn schon der Gedanke an die Klausuren Deinen Puls in die Höhe schießen lässt, bringt Dich das dritte Skript zum Sachenrecht nicht weiter.

Nutze stattdessen zusammen mit uns einen Teil Deiner Vorbereitungszeit, um Dich mental auf die Stresssituation vorzubereiten.

Mehr Selbstvertrauen: Der Schlüssel für mentale Stärke

Das Fundament mentaler Stärke ist Selbstvertrauen. Wenn Du von Dir und Deinen Fähigkeiten überzeugt bist, kann Dich auch ein komplizierter Sachverhalt nicht aus der Ruhe bringen. Eine schlechte Übungsklausur oder einen Lerntag, an dem Du nichts auf die Reihe bekommst, schüttelst Du besser ab.

Umgekehrt wirken sich ständige Zweifel und die Sorge, nicht gut genug zu sein, negativ auf Deine Leistung im Examen und schon in der Vorbereitung aus. Versagensängste lenken Dich vom Lernen ab. Du kannst Dich schlechter konzentrieren. Je näher der Examenstermin kommt, desto stärker blockiert Dein Kopf.

Wenn Du etwas für Dein Selbstvertrauen tust, kann Deine Vorbereitung und das Examen eine ganz neue, positive Richtung nehmen!

Wir erklären Dir deshalb jetzt, wie Selbstvertrauen entsteht und wie Du es gezielt trainieren kannst. Das ist der erste Schritt, um das Examen mit mentaler Stärke zu meistern und auch unter Druck einen kühlen Kopf zu bewahren.

Wie entsteht Selbstvertrauen?

Dein Selbstvertrauen wird ganz entscheidend durch die Antworten geprägt, die Du Dir selbst auf zwei Fragen gibst:

Du hast also viel Selbstvertrauen, wenn Du der Auffassung bist, dass Du eine Sache (Fähigkeit – linker Kreis) gut beherrscht (Bewertung – rechter Kreis).[1] Daran erkennst Du auch sofort, das Selbstvertrauen themenabhängig sein kann. Jemand kann volles Selbstvertrauen in seine mathematischen Fähigkeiten haben, aber trotzdem vor Angst ins Stottern geraten, wenn er eine Rede halten soll.

Hier ein konkretes Jura-Beispiel:

  • Du hast den Aufbau der öffentlich-rechtlichen Klagearten gelernt (Fähigkeit).
  • Unterbewusst bewertest Du jetzt, wie gut Du die verschiedenen Zulässigkeitsprobleme und die Prüfungspunkte kannst (Bewertung).
  • Fühlst Du Dich sicher und für verschiedene Sachverhaltskonstellationen gut vorbereitet, ist Dein Selbstvertrauen groß.
  • Glaubst Du dagegen, dass Dein Wissen für das Examen noch lange nicht ausreicht, hast Du ein geringes Selbstvertrauen.

Genau hier liegt das Problem:

Weil das Examen so schwer ist, hat fast niemand das Gefühl, allen relevanten Stoff sicher zu beherrschen. Es wird immer ein Rechtsgebiet oder Probleme geben, bei denen wir an unseren Fähigkeiten zweifeln. Deshalb gehen die meisten Examenskandidaten mit wenig Selbstvertrauen in die Klausuren.

Vielleicht verstehst Du jetzt besser, warum noch mehr Lernen nicht die Lösung ist. Du weißt selbst, dass es im Grunde unmöglich ist, in allen Rechtsgebieten so gut zu sein, dass Du davon überzeugt bist, das Examen mit Leichtigkeit zu meistern.

Wir brauchen also einen anderen Ansatz. Einen Ansatz, der sich nicht nur auf das juristische Wissen konzentriert, sondern uns auch dabei hilft, mit Zuversicht und Selbstvertrauen ins Examen zu gehen.

Versteh das nicht falsch. Wenn Du juristisch nichts kannst, hilft es Dir nicht, wenn Du im Examen sitzt und glaubst, Du wärst der wiedergeborene Professor Medicus.

Doch wenn Du schon ein solides Grundwissen hast, ist es jetzt an der Zeit, die Bewertung Deiner Fähigkeiten anzupassen und Dein Selbstvertrauen auf eine neue Ebene zu bringen.

Bevor wir Dir drei der besten Strategien für mehr Selbstvertrauen zeigen, mach Dir eins klar:

Selbstvertrauen im Examen bedeutet, dass Du daran glaubst, jeden Sachverhalt mit Deinen Fähigkeiten vernünftig lösen zu können.

Selbstvertrauen im Examen bedeutet nicht, dass Du jedes Problem auswendig kannst. Es geht vielmehr um ein gutes juristisches Verständnis, das Dich in die Lage versetzt, eigenständig eine vertretbare Lösung zu entwickeln.

Zurück auf Null: So baust Du das Fundament Deines Selbstvertrauens

Vielleicht bist Du auf diesen Artikel gestoßen, weil Dein Selbstvertrauen gerade im Keller ist. Dann solltest Du Dich nicht mit den Feinheiten beschäftigen, sondern mit den Grundlagen beginnen.

Überlegen wir also zuerst – und ohne dass wir dabei gleich an Jura denken –, was Du tun kannst, um mit mehr Überzeugung durchs Leben zu gehen. Was kannst Du ändern, damit Dein Selbstvertrauen steigt?

Ganz einfach gesagt: Mach das, was Du Dir vornimmst.

Sieh Dir mal die folgende Grafik an:

Je häufiger Du über einen längeren Zeitraum das tust, was Du Dir vornimmst, desto größer ist auch Dein Selbstvertrauen. Warum? Weil Du weißt, dass Du Dich auf Dich selbst verlassen kannst.[2]

Hier ein Beispiel:

Wenn Du Dir heute vornimmst, erst drei Stunden Zivilrecht zu lernen und im Anschluss noch eine Probeklausur zu schreiben, wirkt sich Dein Verhalten auf Dein Selbstvertrauen aus. Ziehst Du diesen Plan durch, steigert das Dein Selbstvertrauen. Lässt Du Dir eine Ausrede einfallen, geht Dein Selbstvertrauen zurück.

Wenn Du vier Wochen hintereinander Deinen Lernplan befolgst, regelmäßig zum Sport gehst oder andere Verpflichtungen einhältst, wird Dein Selbstvertrauen immer größer. Deine Zuversicht steigt, weil Du machst, was Du Dir vornimmst.

Selbstvertrauen entsteht also dann, wenn Du Deine Ziele über einen längeren Zeitraum konsequent verfolgst.

Dieses Phänomen kannst Du bei vielen selbstbewussten Examenskandidaten beobachten. Sie sind auch dann zum Lernen in der Bibliothek, wenn sie eigentlich keine Lust haben. Sie schreiben Samstag Vormittag noch eine Übungsklausur, obwohl sie eigentlich lieber ausschlafen würden. Das bedeutet nicht, dass sie sich keine Freizeit gönnen. Aber sie haben einen Plan und halten sich daran.

Das Geheimnis ist das Dranbleiben. Du siehst an der Grafik, dass der Selbstvertrauensschub sich nicht sofort einstellt, sondern erst im Laufe der Zeit. Das gilt übrigens auch für die übrigen Strategien für mehr Selbstvertrauen. Wenn Du sie nur einmal ausprobierst, wird sich nichts ändern. Wendest Du sie dagegen drei oder vier Wochen lang an, wirst Du merken, wie Dein Selbstvertrauen immer weiter steigt.

Selbstvertrauen kann man sehen

Inzwischen weißt Du, dass Selbstvertrauen aus zwei Komponenten besteht: Deinen Fähigkeiten und Deiner Bewertung dieser Fähigkeiten. Wenn Du mehr Selbstvertrauen haben willst, ist es also entscheidend, was Du über Dich denkst. Wie bewertest Du Dich als Mensch? Was hältst Du von Deinen Fähigkeiten?

Den ersten Schritt haben wir Dir eben gezeigt: Bau Vertrauen auf, indem Du machst, was Du Dir vornimmst.

Doch wenn Du jahrelang mit wenig Selbstvertrauen durch die Welt gegangen bist, haben es sich eine Vielzahl negativer Gedanken in Deinem Kopf gemütlich gemacht:

  • Das schaffe ich nie.
  • Dafür bin ich nicht gut genug.
  • Ich kann einfach keine Klausuren schreiben.

Es ist gar nicht so leicht, diese tief verwurzelten Bedenken durch positive Gedanken zu ersetzen. Zum Glück gibt es eine Methode, mit der Du schnell erste Fortschritte erzielen kannst:

Tue so, als ob Du viel Selbstvertrauen hättest.

Selbstvertrauen vortäuschen? Klingt auf den ersten Blick merkwürdig. Aber es gibt eine Menge wissenschaftlicher Studien, die belegen, dass dieser Ansatz das Selbstvertrauen erheblich steigern kann.

Forscher haben zum Beispiel festgestellt, dass schon ein einfaches Lächeln innerhalb kurzer Zeit so viele positive Botenstoffe in Deinem Gehirn freisetzt, dass Du Dich sofort besser fühlst.[3] Diese positive und stresssenkende Reaktion kannst Du sogar künstlich erzeugen, indem Du einen Stift waagerecht zwischen die Zähne nimmst und so ein Lächeln erzwingst.[4]

Positiver Nebeneffekt:

Du hast automatisch viel mehr positive Gedanken. Es wird Dir richtig schwerfallen, an etwas Schlechtes zu denken. Probier es jetzt mal aus! Lächle und versuch dabei mal, an das Examen zu denken. Du wirst weniger Angst haben und zuversichtlicher sein.

Nicht nur Dein Lächeln hat Auswirkungen auf Dein Selbstvertrauen. Deine Körperhaltung insgesamt hat Einfluss auf Deine Gedanken.

Wenn Du einen Menschen mit hängenden Schultern, heruntergezogenen Mundwinkeln und gesenktem Kopf siehst, weißt Du sofort, dass dieser Mensch traurig und erschöpft ist.

Wie sieht dagegen ein selbstbewusster Mensch aus? Welche Körperhaltung hat dieser Mensch und wie bewegt er sich?

  • Der Kopf ist oben, die Schultern gerade und nach hinten gezogen.
  • Der Gang ist aufrecht und bestimmt.
  • Ein Lächeln ist auf dem Gesicht.
  • Die Atmung ruhig und kräftig.

Stell Dir vor, wie Du Dich mit viel Selbstvertrauen verhalten würdest. Wo ist Dein Kopf? Wie bewegst Du Dich? Was machen Deine Hände und Arme?

Anschließend nimmst Du diese Körperhaltung ein und täuschst Dein Selbstvertrauen vor. Wenn Du das regelmäßig tust, wirst Du Deine Bedenken und Sorgen Schritt für Schritt durch selbstbewusste Gedanken ersetzen!

Hol Dir die Zuversicht zurück: Denke in Lösungen

Ein Grund, warum es uns oft schwerfällt, Selbstvertrauen aufzubauen, ist problemzentriertes Denken. Wir denken fast immer nur daran, was im Examen alles schief gehen kann. Wir erinnern uns nur an die schlechten Übungsklausuren, selten an die guten. Wir vergessen, was wir alles schon fürs Examen gelernt haben und sehen nur die Themen, die wir noch nicht beherrschen.

Gerade als Juristen wird uns dieses Denken regelrecht antrainiert. „Probleme schaffen, nicht wegschaffen“ ist das Motto jeder Juraklausur. Wir suchen nach Problemen, um sie breit auswalzen und diskutieren zu können.

Im echten Leben ist dieses problemzentrierte Denken ein zweischneidiges Schwert. Es kann Dich einerseits motivieren, noch mehr zu tun. Andererseits macht es Dir das Leben in der Examensvorbereitung unglaublich schwer, weil Du Dich selbst mit Sorgen überhäufst

Natürlich ist das Examen eine riesige Herausforderung. Es gilt so viele Hürden zu meistern: Probleme erkennen, Lösungsskizze erstellen und irgendwie in fünf Stunden fertig werden.

Der Fokus auf Probleme kann Dich lähmen

Doch der Fokus auf Probleme kann Dich außerhalb von Juraklausuren lähmen. Du hast das Gefühl, dass Du selbst machtlos bist und keine Kontrolle über Dein Leben hast.

Das kannst Du ändern, indem Du Dir für Deine Sorgen Lösungen überlegst, so wie ein guter Anwalt es für seinen Mandanten tun würde.

Es ist dabei gar nicht so wichtig, dass Du eine perfekte Lösung entwickelst. Schon das Gefühl, Handlungsmöglichkeiten parat zu haben, steigert Dein Selbstvertrauen.

Am besten nimmst Du ein Blatt Papier und schreibst auf die linke Seite alle Sorgen, die Du mit dem Examen verbindest. In die rechte Spalte, schreibst Du dann, wie eine mögliche Lösung aussehen kann. Das gibt Dir das Gefühl, selbst mehr Kontrolle zu haben.

Hier ein ausgedachtes Beispiel für ein solches „Lösungsblatt“:

Ich habe Angst, dass ich mit dem Sachverhalt nicht klarkomme.

Ich überlege mir jetzt schon genau, wie ich damit umgehe, falls ein Sachverhalt sehr schwierig ist.

  1. Ich arbeite Probleme heraus, die ich erkenne.
  2. Ich schreibe eine kurze Lösungsskizze und prüfe, ob meine Lösung auch mit gesundem Menschenverstand vertretbar ist.
  3. Ich achte darauf, dass meine Klausur auf die von mir gewählte Lösung ausgerichtet ist (keine Mittellösung, keine Zweifel aufkommen lassen).

Gerade im Strafrecht schaffe ich die Klausur niemals in fünf Stunden.

Mir ist bewusst, dass jeder dieses Problem hat. Deshalb geht es darum, schnell die Schwerpunkte zu identifizieren. Ich versuche also, meine Lösungsskizze sehr kurz zu halten und bei den einzelnen Tatbeständen nur an der entscheidenden Stelle viel zu schreiben. Das übe ich jetzt bewusst in den Übungsklausuren.

(Oft hat Zeitnot in Klausuren auch mentale Ursachen. Diese kannst Du dir ebenfalls gut abtrainieren. Mehr dazu hier und in unserem Examensritter Kurs.)

Bei den Klausuren werde ich so nervös sein, dass ich einen Blackout habe.

Ich übe schon jetzt verschiedene Entspannungstechniken, um mich zu beruhigen und wieder auf die Klausur zu konzentrieren. Wenn ich wirklich einen Blackout haben sollte, wende ich diese Techniken an. Im Examensritter Kurs zeigen wir Dir ein abgestimmtes System, mit dem Du einen Blackout schnell überwindest.

Ich schaffe es nie, den gesamten Examensstoff noch mal zu wiederholen.

Ich konzentriere mich auf die Themen, die besonders wichtig sind und bei denen ich noch nicht so sicher bin. Dafür lege ich eine Liste an und gehe diese jetzt Schritt für Schritt durch.

 

Jeder kann mit Zuversicht und Selbstvertrauen ins Examen gehen. Wir haben Dir drei Techniken vorgestellt, mit denen Du ab heute Dein Selbstvertrauen trainieren kannst:

  • Mach das, was Du Dir vornimmst.
  • Nimm immer wieder eine selbstbewusste Körperhaltung ein.
  • Halte für jede Sorge schriftlich eine Lösung fest.

Wenn Du noch mehr über mentale Stärke im Examen lernen willst, melde Dich zu unserem Kurs „Examensritter“ an.


[1] Eine ausführliche Auseinandersetzung dieses sehr vereinfacht dargestellten Diagramms findest Du in: Albert Bandura, A. (1994). Self-efficacy. In V. S. Ramachaudran (Ed.), Encyclopedia of human behavior (Vol. 4, pp. 71-81).

[2] In einer Meta-Studie haben zwei Wissenschaftlerinnen über 38 verschiedene Studien untersucht und festgestellt, dass Dein Verhalten in der Vergangenheit (zum Beispiel: Hast Du getan, was Du Dir vorgenommen hast?) einen erheblichen Einfluss auf Dein Selbstvertrauen hat (Sitzmann, Traci & Yeo, Gillian. (2013). A Meta-Analytic Investigation of the Within-Person Self-Efficacy Domain: Is Self-Efficacy a Product of Past Performance or a Driver of Future Performance?. Personnel Psychology. 66. 10.1111/peps.12035.)

[3]https://www.psychologytoday.com/blog/cutting-edge-leadership/201206/there-s-magic-in-your-smile

[4]https://www.psychologicalscience.org/news/releases/smiling-facilitates-stress-recovery.html